Der Titel «Schwierige Zeiten – schwierige Kinder» war Thema einer pädagogischen Fachtagung zur Emeritierung von Prof. Fitzgerald Crain im April 2008. Beiträge einzelner Referenten und Referentinnen der Tagung sowie weitere Artikel von Fachexpertinnen und Experten aus Schule, Sozialpädagogik, Sonderpädagogik, Medizin und Publizistik bilden den Inhalt des Sammelbandes. Illustrationen eines Jugendlichen veranschaulichen die verschiedenen thematischen Aspekte.
Ziel dieser Publikation ist die Sensibilisierung für die gesellschaftlich bedingten Einflüsse auf die heutigen Kinder und Jugendlichen sowie die Erörterung hilfreicher Unterstützungsmöglichkeiten durch die Erwachsenen. Der gemeinsame Nenner aller Beiträge ist das kritische Hinterfragen pädagogischer Handlungsansätze und Haltungen, die zu gesellschaftlich geforderter Leistung befähigen sollen und dabei ausser Acht lassen, in welchem Mass junge Menschen heute belastenden und widersprüchlichen Einflüssen ausgesetzt sind.
Neoliberalismus, Globalisierung, mediale weltweite Vernetzung, Reizüberflutung, schulischer Leistungsdruck, grenzenloser Konsumismus, Wertepluralismus und Verlust familiärer Strukturen sind Stichwörter, die in den einzelnen Beiträgen reflektiert und sehr konkret mit den als herausfordernd bezeichneten Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen in Verbindung gebracht werden. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln werden kritische Reflexionen angestellt.
Zielgruppe
In erster Linie Fachleute aus dem Bereich Pädagogik und Sozialarbeit (Schule, Heim, Krippe, Kindergarten, Familienberatung) sowie Psychologie (Kinder- und Jugendpsychiater und Psychologen), aber auch Eltern, die an einer vertieften Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten ihrer Kinder und Jugendlichen interessiert sind.
Abstract
Die Autoren der ersten drei Beiträge setzen vergleichbare inhaltliche Akzente, indem sie die Auswirkungen unserer gesellschaftlichen und ökonomischen Lebensverhältnisse auf Heranwachsende schonungslos vor Augen führen.
Crain beginnt mit der These, dass in der Ausbildung von Heil- und Sonderpädagogen eine gesellschaftskritische psychoanalytische Theorie zur pädagogischen Praxis ein spannungsgeladenes, «stacheliges» Verhältnis haben sollte und meint damit, dass im Unterschied zu pragmatischen pädagogischen Förderzielen, das innere Erleben des Kindes, das Unfassbare und nicht Messbare reflektiert werden sollte. Nicht das schwierige Verhalten des Kindes, sondern entwicklungs- und lernbehindernde gesellschaftliche Zustände, also die schwierigen Verhältnisse, sollten im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.
Meier-Seethaler nimmt diesen Gedanken auf und verweist auf die paradoxen Suggestionen, die durch die allgegenwärtigen Medien vermittelt werden. «Zwischen Schlaraffenland und Leistungsstress» bedeutet, dass einerseits, suggeriert durch die Werbung und das Internet, heute per Knopfdruck alles sofort angeschafft und konsumiert werden kann, Waren aber auch Wissen und Bildung, andererseits aber berufliche Leistungsansprüche ins Unermessliche steigen. Jugendliche neigen zwischen Erfolgsdruck und Realitätsflucht zu Depressionen oder Aggressionen. Das Milliardengeschäft mit der virtuellen Gewalt und Brutalität bietet jungen Menschen in einem oft kalten und gleichgültigen zwischenmenschlichen Klima die Möglichkeit, den Mangel an nachhaltigen und Sinn gebenden Erfahrungen zu kompensieren. Erwachsene sollten Jugendliche zu kritischer Reflexion ermutigen und sich gegen die Verharmlosung von Gewaltdarstellungen in den Medien engagieren.
Rainer Funk geht in seinem Beitrag «Verbunden sein, ohne sich zu binden» hinsichtlich der, die Persönlichkeit verändernden gesellschaftlichen Einflüsse, noch einen Schritt weiter und spricht von einem beobachtbaren Charaktertypus junger Menschen, den er als «Ich-Orientierung» benennt. Er beschreibt diesen als Folge der Globalisierung, des Wandels und Verfalls sämtlicher Orientierungspunkte im Beruf, am Arbeitsplatz, im Produktionsprozess und in der Familie. «Ich-Orientierte» suchen, analog der Entgrenzung von Zeit und Raum durch die elektronischen Medien, eine radikale Selbstbestimmung, frei von eigenen Begrenzungen und unabhängig von Erwartungen anderer. An Stelle von Bindung und Verbindlichkeit tritt zweck- und zeitgebundenes Kontakterleben mit möglichst vielen Menschen. So entsteht ein Wir- Gefühl, das spontan, frei, grenzenlos aber auch rücksichtslos gestaltet wird. Letztlich analysiert Funk die Ich-Orientierung als Ich-Schwäche und Ich-Regression, der nur durch Abgrenzungsleistung und klar gelebter Generationengrenzen begegnet werden kann. Nur so können junge Menschen fähig werden, «die ihnen vom Leben selbst zugemuteten Begrenzungen noch auszuhalten».
Die darauf folgenden Beiträge befassen sich mehrheitlich mit dem pädagogischen Umgang mit schwierigen Kindern. Während Annemarie Pieper der Bedeutung des Philosophierens mit Kindern nachgeht, und dabei klassische aber auch neuere Texte (z.B. von Bernhard Bueb,2006) zitiert, konzentriert sich Andreas Fischer auf das Verstehen des «herausfordernden Verhaltens» des Kindes, auf dem Hintergrund des anthroposophischen Menschenverständnisses, bei dem die Sinneserfahrung für die Entwicklung des Kindes von grosser Bedeutung ist. Er beschreibt auch die Haltung des Erziehers, der den Dialog gestaltet und die Fähigkeit des «sich führen lassens durch die Wesenheit des Kindes» hat. Das Zitat von Kobi (1993, S.74) «Erziehung ist die Kunst, auf möglichst hohem Niveau- verlieren zu können» bildet eine zentrale Aussage. Pieper betont dagegen mehr die ethische Orientierung und Förderung der Urteilskraft in der Erziehung.
Als neuzeitliche Methode skizziert Christine Meier Rey umfassend die verschiedenen Anwendungen der Mediation als eine Möglichkeit, Kinder zu Wort kommen zu lassen, und damit ihre Partizipation am Leben in der Familie und der Schule zu gewährleisten, aber auch ihren Grundbedürfnissen und Rechten (UN Kinderrechtskonvention,1997 von der Schweiz ratifiziert) Gewicht zu verleihen. Als ebenfalls methodischen Ansatz erörtert Monika Baumann das Zürcher Ressourcen Modell (ZRM), das in den 90er-Jahren von Maja Storch und Frank Krause entwickelt wurde. Es hat zum Ziel, Kinder und Jugendliche in dieser komplexen Welt zu stärken, indem sie ein wirksames Selbstmanagement lernen sowie zu Selbstbestimmung und Verantwortlichkeit fähig werden.
Heinz Stefan Herzka erörtert in seinen Ausführungen mit dem Titel «In der Globalisierung Grossvater sein» auf besonders weitsichtige Weise seine Erfahrungen mit den eigenen Enkeln. Ausgehend von den gesellschaftlichen Entwicklungen in seiner Generation, die «von Konkurrenz und Selektion, Gewinnmaximierung und technischer Effizienz» geprägt sind, plädiert er für einen neuen Bildungsauftrag der Schule, der menschliche Grundbedürfnisse, empathische Beziehung, sozialen Ausgleich, Konfliktfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein über das Vermitteln von Wissen und Kulturtechniken stellt. Damit Kinder ihre Identität finden können, bedarf es der Transparenz über die Geschichte ihrer eigenen Herkunftsfamilie und über das kulturelle Erbe. Aber auch Anregung zu kreativen Schaffensprozessen, kritische Konsumschulung, der Umgang mit Geld und mit dem Suchtfaktor des Computers sind notwendig. Den komplexen Erziehungsauftrag können nicht mehr allein die Eltern tragen. Herzka betont, dass die Familie zur Freizeitfamilie geworden ist, die von der Medienwelt kolonialisiert wird, dass Eltern oft bis zur Erschöpfung im Arbeitsprozess aufgehen oder gestresst durch das am Arbeitsplatz absolut gesetzte Primat der Rentabilität kaum ihren Kindern gerecht werden können. Er postuliert neue gesellschaftliche Modelle, in denen Politik und Wirtschaft in die Verantwortung genommen werden und die öffentliche Schule in Kooperation mit den Eltern grundsätzlich dafür besorgt ist, dass die Konvention der Rechte des Kindes umgesetzt wird.
Im Unterschied zu diesem sehr umfassenden, gesellschaftskritischen und fachlich fundierten Beitrag, befasst sich Milena Moser in ihrem kurzen Aufsatz mit nur einer persönlichen Begegnung mit einem Jugendlichen. Sie leitet daraus ab, dass es wichtig wäre, die Jugendlichen selber zu fragen, was los ist, statt unter Experten über die Probleme junger Menschen zu diskutieren und zu meinen, «dass wir alles schon wissen».
Johannes Gruntz-Stoll erweitert die Themenvielfalt indem er sich der Geschichte der Kindheit widmet. Er illustriert den Zusammenhang zwischen den Kindheitsvorstellungen und Erziehungsideen und den politischen Leitlinien der jeweiligen vergangenen Epochen. Dabei untersucht er auch Kinderbücher und stellt fest, dass diese «sowohl Ausdruck herrschender Ideologien und Niederschlag gesellschaftlicher Normen wie auch ‚Markenzeichen pädagogischer Moden’» sind.
Der letzte Beitrag des Buches von Margrit Matyscak und Hans Witzig beschreibt sehr anschaulich die Umsetzung eines oberstufenübergreifenden Unterrichts-Projekts mit der Fragestellung: was ist für die Schüler und Schülerinnen momentan in Bezug auf Eltern, Schule und die Welt um sie herum schwierig? Selbst getextete Raps und gestaltete Plakate aber auch die aktive Teilnahme an Projekten der «Pro Natura» wählten die Jugendlichen als Ausdrucksformen. Wesentliche Aussagen waren der Wunsch nach Akzeptanz, Orientierung, Respekt gegenüber allen Menschen, egal welcher Herkunft und verbesserter Kommunikation.
Empfehlung
Dieser Sammelband birgt eine Fülle von Informationen, Analysen, Sichtweisen und scharfsinnigen Reflexionen zu einem gegenwärtig hochaktuellen Thema in sich. Für einmal steht nicht der Rat gebende Experte im Zentrum, sondern die weitgespannte und vertiefte thematische Auseinandersetzung auf hohem Niveau, ohne elitär zu wirken und auch für Laien sehr gut verständlich geschrieben. Hauptintention ist zweifellos die Anregung zum Nachdenken, zum Hinterfragen der eigenen Alltagstheorien und Handlungsmuster im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen und damit ein vertieftes Verständnis für die komplexen Zusammenhänge, die hinter dem «schwierigen Verhalten» stehen, zu bewirken. Dieses Ziel ist hervorragend erreicht, es sei denn die politische Orientierung des Lesers versperrt den offenen Blick auf die durchwegs kritischen Reflexionen unseres gegenwärtigen Gesellschaftssystems. Die Botschaft ist «Wandel und Engagement auf verschiedenen Ebenen ist nötig», Probleme der Kinder und Jugendlichen lassen sich weder allein an die Eltern, noch an Experteninnen und Expterten delegieren.
| Autor/in Buch | Christine Meier Rey (Hrsg.) |
| Autor/in Rezension | Silvia Eberle |
| Verlag | Haupt |
| Ort | Bern |
| Erscheinungsjahr | 2009 |
| Seitenzahl | 179 |
| ISBN-Nr. | 978-3-258-07513-6 |
Silvia Eberle, Lic.phil. I, ist Pädagogin und Systemische Therapeutin IEF mit eigener Praxis in Bülach und als externe Dozentin am Departement für Soziale Arbeit der ZHAW tätig.
Prof. Dr. phil. Christine Meier Rey ist Erziehungswissenschaftlerin an der FHNW PH ISP Basel, leitet die Abteilung Heilpädagogische Früherziehung/Heilpädagogik im Vorschulbereich und führt Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen aus.
Sie ist tätig für das Büro für «Zielstrebige Beratung – Kinderanwaltschaft – Mediation», Zürich. Ursprünglich ist sie Primarlehrerin, zudem ausgebildet als Mediatorin und Atemtherapeutin.
